Bootcamp für Juristen oder die Nachbereitung des juristischen Vorbereitungsdiensts – eine Duplik

Der Journalist Nils Frenzel hat in der Zeit Campus Ende Juli dieses Jahres eine Reportage über den Ergänzungsvorbereitungsdienst geschrieben. Die Ausgangslage:

Das ist natürlich schon ein Riesenschock. Du schaust auf den Bildschirm, siehst, dass du durchgefallen bist, und verstehst die Welt nicht mehr. Du denkst halt auch direkt: Okay, jetzt hab ich’s verkackt, aber was ist, wenn es beim zweiten Mal wieder nicht passt?

In fast allen Bundesländern gibt es mittlerweile einen Ergänzungsvorbereitungsdienst für diejenigen, die das zweite Staatsexamen nicht im ersten Versuch bestehen. Der Grund ist einfach: Wenn die Kandidaten auch im zweiten Versuch scheitern, stehen sie für den Justizdienst nicht mehr zur Verfügung – das Geld für die Ausbildung wäre dann fehlinvestiert geworden – ebenso wie die ganze schöne Lebenszeit. Dabei sind die Folgen noch erheblich dramatischer als der – sonst an Martialik nicht gerade sparsame – Artikel glauben macht:

Wenn es beim zweiten Mal wieder nicht passt, kann Johan kein Volljurist werden. Das heißt, er könnte kein Staatsanwalt oder Richter werden. Johan weiß noch gar nicht, ob er das überhaupt müsste, aber das zweite Staatsexamen ist eine Frage des Ansehens.

Formal mag das zweite Staatsexamen – die „Befähigung zum Richteramt“ – nur die Zugangsvoraussetzung für die Justiz sein – einschließlich übrigens (und praktisch am bedeutendsten) der Anwaltschaft. Aber auch Behörden wollen in der Regel einen Volljuristen haben, selbst wenn der niemals forensisch tätig wird. Das zweite Examen ist jedenfalls kein „nice to have“, kein Doktortitel also, sondern eine Zugangsvoraussetzung für unzählige Jobs jenseits von Staatsanwalt- und Richterschaft.

Frenzel schreibt sodann über enge Lernpläne, zwei Klausuren plus Besprechung pro Woche, Schwierigkeiten bei der Beantragung von einer Woche Urlaub nach der Geburt des eigenen Kindes, über die Flurdiskussionen der Bootcamp-Teilnehmer, ob es in der vorangegangenen Probeklausur um einen Raub oder einen Raubüberfall ging (sic!), über Prokrastinationsbekämpfung, die nachvollziehbar enorme psychische Belastung und Jura als „Zustand“, nicht als „Fach“.

Marcel Schneider hat den Artikel schließlich Anfang August in der LTO zum Anlass genommen, einmal bei der für das sog. Bootcamp am OLG Schleswig Verantwortlichen Frau Dr. Franziska Kehrer nachzufragen, die im Gespräch insbesondere die hohen Erfolgsraten hervorhebt.

Das Angebot ist ein absolutes Erfolgsmodell geworden, circa 90 Prozent der teilnehmenden Referendare bestehen das Zweite Examen dann im Folgeversuch.

Der Zweck heiligt also die Mittel, dabei bedürfen diese gar keines göttlichen Beistands, denn sie sind gut: Der Erfolg beruht auf 32 Klausuren, unmittelbarer Korrektur und Besprechung, und vor allem: Die Arbeitsgemeinschaften werden überwiegend von Mitarbeitern des Justizprüfungsamtes durchgeführt, Menschen also, die Zugang zu den Klausuren haben.

Die Fassung verlieren kann man jedoch ob der Antwort von Frau Dr. Kehrer auf die völlig berechtigte Frage: „Warum muss man erst durchfallen, damit sich so intensiv gekümmert wird?“

Weil der Dienstherr ja erst einmal vom Referendar als mündigen Menschen ausgeht. [Der EVD sei natürlich] „ein Stück weit verschulter und entsprechend ein Schritt zurück“ [, was die Selbstständigkeit angehe, in die Juristen mit dem Beginn ihres Studiums hineinwachsen.]

Das jedoch ist offensichtlich nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit, muss man doch im ersten Versuch, will man nach den Regeln spielen, die die Justizprüfungsämter aufstellen und – jedenfalls in den größeren Kanzleien – angeblich auch kontrollieren, in der unmittelbaren Zeit der Vorbereitung auf die Klausuren mit einem einzigen Lerntag pro Woche auskommen, statt den für Bestehensquoten von 90 Prozent offensichtlich nötigen 5 Lerntagen. Und da wurde das Fass der Unmöglichkeit, das Referendariat im Falle erforderlicher oder – auch das soll es geben – gewollter Kinderbetreuung in Teilzeit zu absolvieren, noch gar nicht aufgemacht.

Oder einmal andersherum: Das Referendariat mit seiner Mischung aus Praxis- und Theorietagen ist aus meiner Sicht eine ausgezeichnete Möglichkeit, das juristische Handwerkszeug zu erlernen, und könnte gern ein paar Jahre früher starten. Was müssen das aber für Abschlussprüfungen sein, für deren Vorbereitung 9 von 10 Referendaren ein halbes Jahr lang auf diese sehr gute Ausbildung verzichten?

Vielleicht ist es vorzugswürdig, nicht diejenigen zu überhöhen, die die „mündige“ und – liebe Prüfungsämter – ausgesprochen gängige Entscheidung treffen, entgegen der – zumindest proklamierten – Erwartung ein halbes Jahr vor den Schriftlichen in ihrer Kanzlei zugunsten der Bibliothek die Segel zu streichen, um sich die Chance auf den Richterberuf oder die Stelle bei Linklaters nicht zu verbauen und das Durchfallen pauschal als Ergebnis schlechter Arbeitsorganisation und mangelnder Eigenverantwortung zu werten?

 

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