Ein wahrer Schatz: Eisenberg/Kölbel Kriminologie (7. Auflage)

Für all jene am Strafverfahren Interessierten, die sich nicht nur für Strafrechtsdogmatik begeistern können, sondern darüber hinaus wissen wollen, wie Strafgesetze entstehen, wie und warum gegen diese Gesetze verstoßen wird und wie auf diese Gesetzesverletzung reagiert wird, trägt Ulrich Eisenberg seit nunmehr 40 Jahren die durch empirische Studien abgesicherten Erkenntnisse der Kriminologie in einem ungemein lesenswerten und auch für den Sozialwissenschaften nicht Zugetanen lesbaren Kaventsmann zusammen.

Seit der 7. Auflage wurde neben dem Verlag (statt C.H. Beck erscheint die Kriminologie nun bei Mohr Siebeck in Tübingen) auch der verantwortliche Verfasser ausgetauscht. Der mittlerweile achtzigjährige Ulrich Eisenberg hat die Verantwortung für dieses Werk an Ralf Kölbel, Inhaber eines Lehrstuhls für Strafrecht und Kriminologie an der LMU München, abgegeben.

Das Werk überzeugt vor allem durch seinen Detailreichtum. Auf knapp 1.300 Seiten wird zu allen Gegenständen des Strafverfahrens der Stand der Forschung wiedergegeben. Um einen Eindruck zu bekommen, welch einen Materialstapel die Autoren einpflegen mussten: Das Literaturverzeichnis enthält auf über 200 Seiten ca. 6.000 Einträge. Was für Angeber 🙂

Allein das Stichwortverzeichnis hätte mit nur 36 Seiten gern etwas umfangreicher ausfallen können. Dies wird aber durch das sehr übersichtlich gesetzte und durchdachte Inhaltsverzeichnis wieder wettgemacht.

Abgesehen von einer kurzen Einleitung, die sich dem Begriff und Gegenstand der Kriminologie widmet, besteht das Werk aus drei Teilen. Der erste Teil behandelt zunächst kriminologische Theorien und unterteilt diese sinnvoll nach solchen, die Kriminalität als Erwartungsverletzung, Konflikt oder als gesellschaftliche Funktion beschreiben. Dies erklärt jedoch vorrangig die Frage, was Kriminalität eigentlich ist. Der Gegenstand der Kriminologie ist aber deutlich weiter gefasst. So liegen beispielsweise vielen Studien, die sich etwa mit der Reaktion auf Kriminalität beschäftigen, regelmäßig ganz andere Theorien, etwa Handlungs- und Entscheidungstheorien zugrunde. In einem zweiten Abschnitt wird ein instruktiver Überblick über empirische Forschungsmethoden in den Sozialwissenschaften gegeben.

kriminologie

Der zweite Teil befasst sich mit der Feststellung abweichenden Verhaltens durch den Gesetzgeber und die Strafverfolgungsbehörden. Wie kommt es zu neuen (und immer repressiveren) Strafgesetzen? Welche Phasen durchläuft das Strafverfahren und wie wird aus dem strafbaren Verhalten eine strafrechtliche Verurteilung? Warum werden die allermeisten Fälle vorher ausgeschieden? Welche Rechtsfolgen werden wie häufig verhängt? Und die vielleicht wichtigste, aber nur schwierig zu beantwortende Frage: Ist das Strafrecht im Hinblick auf seine general- und spezialpräventiven Zwecke überhaupt wirksam?

Im dritten und letzten Teil wird noch einmal der Bogen zu den kriminologischen Theorien des ersten Teils gespannt: Was wissen wir über Delinquenz in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (einzelne Bevölkerungsgruppen, Sexualität, Btm, Wirtschaft, Politik) und können wir sie darüber hinaus eher als individuelles (man denke an „Täterkarrieren“) oder als situationsbezogenes Phänomen (Beziehungstaten) erklären?

Die Eisenbergsche Kriminologie ist seit vielen Jahren eines meiner Lieblingsbücher. Die Übernahme durch Ralf Kölbel hat dem keinen Abbruch getan. Das Werk ist überaus lehrreich, flott geschrieben und auf dem aktuellen Stand der Forschung. Dass man hierfür etwas tiefer in die Tasche greifen muss, versteht sich angesichts des enormen Aufwands, den die Autoren betreiben müssen, von selbst.

Ulrich Eisenberg / Ralf Kölbel: Kriminologie, 7. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 2017, 1528 Seiten, 179,00 €.

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