Über die Gründe der Nachwuchssorgen der Justiz

Grundsätzlich freue ich mich über jeden online-Artikel, der länger ist als eine DIN-A4-Seite und trotzdem kostenlos zugänglich, zumal wenn er unseren Bereich behandelt.

Katharina Koerth hat in einer kleinen Reportage für Spiegel Online aufgeschrieben, warum so wenige Menschen Lust haben, in der Justiz – sei es als Richter oder als Staatsanwalt – tätig zu werden.

Ich fasse zusammen:

  • Die Arbeitsbelastung entspreche der eines Rechtsanwalts, jedoch verdiene dieser angeblich doppelt so viel.
  • Die Ausbildung im Referendariat werde stiefmütterlich behandelt.
  • Die Arbeitsbedingungen bei Richtern und Staatsanwälten seien schlecht, etwa weil Proberichter regelmäßig umgesetzt würden und sich immer neu in Rechtsgebiete einarbeiten müssten.
  • Die Arbeit sei nicht besonders sinnstiftend.
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Zeit ist Geld – Photo by Pixabay on Pexels.com

Vielleicht sind solche Artikel über Menschen, die ihren Arbeitsfrust in den Medien auslassen müssen, auch ein kleiner Teil des Problems. Manches liegt tatsächlich im Argen, ohne Frage: Wenn etwa die Staatsanwaltschaft Berlin neue Staatsanwälte regelmäßig in Zweier-Büros steckt, die genauso groß sind wie die Einzelbüros, dann wird es schnell eng und dürfte die Effizienz der Aktenbearbeitung nicht erhöhen. Wer kann konzentriert weiterarbeiten, wenn der Kollege mit der Polizei telefoniert oder mit dem ungebetenen Anwaltsbesuch über die Bedingungen einer Verfahrenseinstellung verhandelt? Auch sind Proberichter, die von Anbeginn allein im Gerichtssaal sitzen, ein Problem für alle Beteiligten, weil ihnen die Möglichkeit genommen wird, von den erfahreneren Kollegen die Kunst der Verhandlungsführung zu lernen. Vermutlich hat man, als man in allen Rechtsgebieten die Kollegialentscheidungen immer weiter reduziert hat, nicht bedacht, dass „beisitzen“ auch Ausbildungscharakter haben kann. Wer aber nicht gelernt hat, eine Hauptverhandlung effizient durchzuführen, der scheitert eben, wenn er selbst verantwortlich ist, was die Verfahren ins Unendliche verzögern kann.

„Die Arbeitsbelastung entspricht der eines Rechtsanwalts, jedoch verdient dieser angeblich doppelt so viel.“

Dass Rechtsanwälte im Vergleich gerade zu Richtern das Doppelte verdienen, dürfte nicht stimmen. Der Artikel zitiert Einstiegsgehälter von ca. 4.000 € brutto, die sich bei Elternschaft und Ehe noch einmal erheblich erhöhen. Wer hingegen bei der R+V eine Anwaltsberufshaftpflicht für Berufseinsteiger auswählt, bekommt den beworbenen günstigen Tarif bei In-Rechnung-Stellung von Gebühren in Höhe von 20.000 € im Jahr. Selbstverständlich vor Kosten wie Berufshaftpflicht, Versorgungswerk, Miete und Büroausgaben (oder gar Personal). Rechtsanwältinnen (die vergleichsweise herangezogen werden können, weil auch die Justiz überwiegend weiblich ist) haben über alle Altersklassen hinweg im Durchschnitt einen Umsatz von etwas über 100.000 €. Bei einer Kostenquote von z. B. 50 % landen sie nach Steuern deutlich unter den Einstiegsgehältern von Richterinnen. Mit Kindern und Mann sind die Unterschiede noch größer. Bei angestellten Juristen lag das Durchschnittsgehalt für beide Geschlechter und alle Altersklassen 2018 bei 73.000,00 € im Jahr. Auch das dürfte nach Steuern noch unter den Nettoeinkünften der Richter liegen. Natürlich kann man auch für 100K plus im Jahr bei Linklaters anfangen. Aber wer will denn wirklich 4 Tage die Woche nach Frankfurt pendeln, donnerstags 22 Uhr auf den nächsten Auftrag warten und das Blockflötenvorspiel des Sprösslings via Skype verfolgen? Ich kenne genügend Rechtsanwälte, die solch ein Leben (selbstverständlich freiwillig) führen. Wenn sich auch ein Richter angesprochen wird, freue mich mich über eine Mail. Aber es werden nicht viele sein.

Und dann würde ich wirklich gern wissen, ob die zitierten Arbeitszeiten von 8-10 h handgestoppt sind, ob die Mittagspause mit den Kollegen, mit denen man auch mal Fälle bespricht, schon inkludiert ist und ob ein Bewusstsein besteht, dass 8,5 Stunden davon genau das ist, was der Arbeitgeber bei Begründung des Beamtenverhältnisses erwartet hatte? Joachim Wagner hatte vor kurzem in seinem Buch „Ende der Wahrheitssuche“ ausführlich dargestellt, dass die Überforderung der Justiz regelmäßig nur herbeigeredet und die tatsächlichen Arbeitszeiten nur wenig mit den echt an der Akte verbrachten Arbeitszeiten zu tun haben. Wenn ich die Zahlen richtig erinnere, konnte man nur bei Verwaltungsrichtern von einer generellen Überlastung, gemessen an der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit, sprechen. Und dass das eine sehr besondere, sehr sorgfältig arbeitende Spezies ist, dürfte allen klar sein.

„Die Ausbildung im Referendariat wird stiefmütterlich behandelt.“

Wer im Referendariat an einen schlechten Ausbilder gelangt, ist selbst schuld. Bei den Personalvertretungen der Referendare kann man zu allen Ausbildern Erfahrungsberichte lesen und sich auf dieser Grundlage einem guten Ausbilder zuweisen lassen. Viele scheuen diesen Weg aber und jammern dann während der gesamten dreimonatigen Station, was mein Verständnis nicht findet. Meine Ausbilder waren alle sehr sehr gut.

„Die Arbeitsbedingungen bei Richtern und Staatsanwälten seien schlecht, etwa weil Proberichter regelmäßig umgesetzt würden und sich immer neu in Rechtsgebiete einarbeiten müssten.“

Die regelmäßige Umsetzung von Proberichtern mag wirklich lästig sein, gerade wenn die unbeliebten Dezernate bei den Berufsanfängern abgelagert werden. Mein Mitleid haben da aber vor allem die Parteien bzw. Prozessbeteiligten, die über Jahre prozessieren müssen und regelmäßig auf neue Menschen treffen, die ihren Prozess voranbringen sollen.

„Die Arbeit sei nicht besonders sinnstiftend.“

Wer schließlich die Tätigkeit als Richter oder Staatsanwalt nicht als sinnstiftend ansieht, der sollte von dem Beruf lassen und tatsächlich etwas anderes machen. Da hilft auch keine Gehaltssteigerung und keine Reduzierung der Arbeitsbelastung.

Überdies: Was hat Katharina Koerth gedacht, die als freie Journalistin für den Artikel vielleicht 200-300 € bekommen haben mag und hierfür recherchiert, zwei Leute interviewt, das ganze noch zusammengetippt und bei ihrer Redaktion untergebracht hat, wenn der Referendar beklagt, dass 3.500 bis 4.400 € Einstiegsgehalt ja wohl viel zu wenig sei für diese schlauen Köpfe?

Zum Artikel: Die Justiz sieht alt aus

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